News von Norderney

Tourismus

10.05.2010
Noch keine Bewertung

Junggesell(innen)abschied

Norderney liebt seine Gäste – manche mehr und manche weniger

Boratverkleidung

.....Boratverkleidung.....

Das letzte Wochenende war wieder eines, bei dem mindestens 10 Junggesellen und Junggessellinnen ihren Abschied auf Norderney gefeiert haben. Die angehenden ordentlichen Ehefrauen und Ehemänner sind als Scheich, Torwart, Bayer und Prinzessin gesichtet worden, der mindestens 10 Köpfe große Anhang sah entsprechend aus. Der Trupp startet meistens  mit der Bahn im Heimatort, alle sind in Hochstimmung und nutzen die Fahrt zum Vortrinken.

Auf der Fähre geht es weiter (Achtung: Wer hier schon zu betrunken ist, kommt nicht mit!) und auf Norderney wird dann mit einem Bollerwagen (da ist der Nachschub drin) durch die Straßen gezogen. Die Einheimischen und Urlauber haben sich mittlerweile an den Anblick gewöhnt – die mehr oder weniger orginellen bzw. skurrilen Verkleidungen finden kaum noch Beachtung. Als Bayer, Vamp oder Prinzessin braucht man eigentlich nicht mehr auf die Insel fahren – die Gefahr, jemanden in derselben Verkleidung zu treffen ist groß. Die Kostüme sind lustig, der Zustand, in dem sich die angehenden Ehemänner und Ehefrauen (und natürlich der johlende Anhang) befinden, ist bald nicht mehr so lustig. Irgendwie verloren und orientierungslos stapfen die Verkleideten dann über die Insel – immer mit viel Lärm und einem Bier in der Hand.  Die Gruppe, die eine Rückfahrt für den nächsten Morgen geplant hat (wir machen durch!) hat nun ein Problem – in den Diskotheken und Nachtkneipen herrscht weitgehend Lokalverbot für diese Art von Gästen.

Die erste Fähre zum rettenden Festland geht erst um 6.15 Uhr – der Hafen der Ehe ist halt schwer zu erreichen.

Bayernverkleidung

Bayer

Artikel in der Ostseezeitung über das Phänomen Junggesellenabschied:

Hamburg (dpa) – Es geht darum, vor der Hochzeit ein letztes Mal geschlechtergetrennt um die Häuser zu ziehen und natürlich darum, zu trinken und Spaß zu haben: Der Junggesell(inn)enabschied, ein Party-Phänomen aus England und Amerika, greift in Deutschland immer mehr um sich.

Früher war er hierzulande eher derbes Dorfbewohner-Ritual, inzwischen hat er sich zum urbanen Massen-Event entwickelt, für das zum Beispiel extra T-Shirts gedruckt werden. Bei manchem Paar ersetzt der «JGA» den traditionsreichen Polterabend. Für viele ist er lediglich eine zusätzliche Party.

Im Englischen heißen Junggesellenabschiede bei Männern «Stag Night» (Hirsch-Abend), bei Frauen «Hen Night» (Hennen-Abend). Dass sie hierzulande im Trend liegen, beweist zurzeit der Erfolg der US-Kumpelkomödie «Hangover» im Kino. Darin amüsieren sich vier Jungs in Las Vegas vor einer Hochzeit. Ausgelassene Junggesellenabschiede sieht man derzeit wieder besonders oft. Der August ist eine Hoch-Zeit der Hochzeiten. Und bald steht mit dem 9.9.2009 wieder eines der beliebten Schnapszahl-Daten zum Heiraten an.

Beliebte Ziele für «JGA»-Ausflüge sind die Altstädte von Köln und Düsseldorf oder aber das Berliner Nachtleben. Doch eigentlich gibt es sie fast überall. Bei Briten sind in jüngster Zeit Kurzreisen nach Osteuropa «in», weil man sich dort billiger betrinken kann.

Ein Klassiker für «Hühner» und «Hirsche» bleibt die Reeperbahn in Hamburg. Hier ist an einem Freitagabend im August auch Niko unterwegs. Der Endzwanziger trägt eine knallrote Clowns-Perücke, ein gepunktetes Kostüm und einen Bauchladen mit Kleinkram. Er muss Kondome und Kaugummis verkaufen, um Geld für Getränke zu sammeln. Seinen peinlichen Zustand hat sich der Ehemann in spe bereits schöngetrunken. Um ihn herum johlen elf bierselige Kumpels, die sich alle das gleiche T-Shirt angezogen und Schnäuzer angeklebt haben. Bei einer anderen lautstarken Gruppe tragen alle Jungs ein T-Shirt, auf dem «Dort Mund» steht und ein Pfeil zum Geschlechtsteil zeigt.

Es gibt viele «lustige» Möglichkeiten, dem Ledigsein Lebewohl zu sagen: Mancher künftige Bräutigam wird als Häftling vorgeführt oder aber muss halbnackt herumlaufen. Nikos künftige Frau feiert, wie er erzählt, etwas edler – mit Stretchlimousine und Stripper.

Dass der Brauch in Deutschland noch nicht lange von fast jedem Hochzeitspaar begangen wird, zeigt ein Blick ins Archiv von Polizeimitteilungen. Junggesellenabschiede, die aus dem Ruder laufen, gibt es demnach verstärkt seit etwa zehn Jahren – wohl weil es überhaupt mehr von ihnen gibt. Immer wieder werden Schlägereien aktenkundig. Öfter haben Bürger bereits Junggesellenscherze als «Entführungen» gemeldet, weil ein Mann mit verbundenen Augen und in Handschellen auf einem Autorücksitz saß. Oder aber es gibt Beschwerden über «exhibitionistische» Handlungen junger Leute.

Für die Volkskundlerin Christiane Cantauw aus Münster gehören die Junggesellenabschiede zum gesellschaftlichen Trend, das Leben zu «eventisieren» und dabei öffentlichkeitswirksam zu feiern. Auch bislang vernachlässigte Geburtstage wie beispielsweise der dreißigste werden demnach immer öfter mit dem früher nur regionalen Brauch des Treppefegens begangen – ein noch nicht verheirateter 30-Jähriger muss dabei die eigens verdreckten Stufen des Rathauses saubermachen, bis ihn ein Mädchen küsst und «erlöst».

Die Expertin vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die sich auch bundesweit mit Bräuchen auskennt, stellt fest: «Hochzeitsbräuche sind in den letzten Jahren sehr beliebt geworden. Wer heute heiratet, will das volle Programm.» Man wisse zwar von der hohen Scheidungsrate, blähe aber trotzdem seine Hochzeit auf – vielleicht auch gerade deshalb. «Viele machen mehrere Partys, den Polterabend, und eben den Junggesellenabschied.»

Cantauw sagt, bis in die 50er Jahre sei es auf dem Land üblich gewesen, dass das «Fräulein» vor seiner Hochzeit ein Kaffeekränzchen veranstaltete. Der Mann traf sich dagegen zum Abschiedsumtrunk mit anderen Kerlen. «Früher ist es wirklich noch um einen Abschied aus dem Kreis der unverheirateten Männer gegangen, die auf dem Dorf traditionell die Träger des Brauchtums waren. Als Ehemann gehörte man definitiv nicht mehr in diese Gruppe.» Wer sich hingegen heute vom Junggesellendasein «verabschiedet», dem steht eigentlich kaum eine Änderung bevor – außer einem neuen Rechtsstatus.