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Politik

21.05.2010
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Kampf um Intercity Verbindung

die letzte dampflokstrecke in deutschlandNach Norderney kommen viele Gäste mit dem Auto – man kann es ja auch bequem mit auf die Insel nehmen. Am bequemsten ist allerdings die Anreise per Bahn: Vom Bahnhof Norddeich Mole sind es nur wenige Schritte bis zur Fähre. Ein wenig stolz ist man als Insulaner auch, wenn man im Münchener oder Berliner Hauptbahnhof die Ansage hört:“Der Zug München (Berlin)-Norddeich Mole steht auf Gleis sieben bereit.“ Das hat was von Weltstadtflair! Norddeich Mole ist eben ein Endpunkt für nationale und Internationale (Basel – Norddeich Mole) Bahnlinien.

NorddeichEine große Verlockung für jeden Norderneyer Jugendlichen waren die Schilder aus dem Zug mit Ziel Norddeich (früher gab es auf dem Schild noch eine Fähre auf der „Norderney“ stand) , so manche hingen in Norderneyer Jugendzimmern. Im Ausbau und Unterhalt wurde die Strecke aber immer etwas stiefmütterlich behandelt. Die sogenannte Emslandbahn (Rheine Norddeich) war eine der letzten Strecken, die in Deutschland (West) elektrifiziert wurden und die letzte Strecke, auf der man noch Dampflokomotiven eingesetzt hat (bis 1975!).

Nun setzt die gesamte Region alles, was sie an politischer und wirtschaftlicher Macht hat in Bewegung, um auch in Zukunft nicht auf regelmäßige Intercityverbindung verzichten zu müssen. Grund für die Sorge ist, dass die Bahn bis 2036 ihren gesamten Fuhrpark auswechseln möchte, allerdings nur ein Drittel der vorhandenen Züge bestellt hat und ankündigte, zukünftig auf den Fernverkehr in der Fläche zu verzichten. Wenn der Bahnhof Norddeich nur noch von Regionalzügen angefahren würde, hätte dies katastrophale Auswirkungen auf den Tourismus in Ostfriesland und wäre sicher auch in Hinblick auf die Klimapolitik eine falsche Zeichensetzung.

Der „Lange Heinrich“

Eingebettet in die nordwestdeutsche Ebene ist das wasser- und moorreiche Emsland zu Beginn der siebziger Jahre bis zum Ende des Dampfbetriebs bei der DB im Oktober 1977 zum Mekka für Eisenbahnfreunde aus aller Welt geworden. Die letzten Dampfgiganten der Deutschen Bundesbahn fuhren mit Reisezügen bis Norddeich Mole und schwere Güterzüge waren zwischen Emden und den großen Industriezentren an Rhein und Ruhr unterwegs.

Star auf der Emslandstrecke war der „Lange Heinrich“ ein 4.000-t-Erzzug, der zwischen Emden Rangierbahnhof und Rheine stets mit zwei der letzten großen Güterzuglokomotiven der Baureihen 042, 043 und 044 bespannt war. Die im Emder Außenhafen mit dem importierten Rohstoff beladenen Großraum-Selbstentladewagen waren von Dampf- und Dieselloks in den Rangierbahnhof geschleppt und dort zu langen Ganzzügen mit 2.000 und 4.000 t zusammengestellt worden. Für die 2.000-t-Züge reichte die Kraftentfaltung einer der leistungsstarken Lokomotiven gerade noch aus, um die Last über die leicht ansteigende Ausfahrt auf die danach meist ebene 140 km lange Strecke nach Rheine zu bringen. Die doppelt so schweren Züge des „Langen Heinrich“ verlangten jedoch immer den Einsatz von zwei Maschinen, die sich nach furiosem Start und oft mit schleudernden Rädern auf den Weg machten.

Bespannt waren die Züge zum überwiegenden Teil mit den ölgefeuerten Maschinen der Baureihe 043 aus den Betriebswerken Emden und Rheine. Oft kamen auch die Kombinationen von Lokomotiven der Reihen 042 und 043 zum Einsatz, gelegentlich auch zwei 042er und selten halfen auch noch letzte kohlegefeuerte 044er zusammen mit den beiden andern Baureihen aus, die bei einem Umbau eine Ölhauptfeuerung erhalten und 1967 ihren Einzug im Bw Rheine gehalten hatten. Entlang der Strecke gab es viele Standorte, um eindrucksvolle Zugaufnahmen zu machen.

Sehr beliebt bei kundigen Fotografen war eine Brücke bei Aschendorf, südlich von Papenburg. In einem nach rechts verlaufenden Gleisbogen ließen sich die Züge fast in ihrer ganzen Länge ablichten. Noch idealer und wohl der beste Platz im Emsland war jedoch südlich von Lathen. Die in einen Einschnitt zwischen zwei Sanddünen eingebettete nach links abbiegende Strecke bot ein freies Schussfeld auf einen kompletten 4.000-t-Zug bei besten Lichtverhältnissen. Voraussetzung war allerdings gutes Wetter, genaue Kenntnis des Fahrplans und die Präsenz am frühen Morgen bei noch tiefstehender Sonne. Lange bevor der Zug in den Einschnitt einfuhr, kündigten eine ferne Rauchsäule und die unüberhörbaren Auspuffschläge sein Kommen an. Das Warten wurde dann mit dem unvergesslichen Anblick der gesamten Garnitur von der Lokspitze bis zum Ende der aus fünfzig Fahrzeugen bestehenden Wagenschlange belohnt.

(nach Aufzeichnungen von Horst J. Obermayer).

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